Der Hambachgrund in Creidlitz

Kulturlandschaft mit kleiner Wildnis am Stadtrand von Coburg

Der Hambachgrund aus der Luft. Foto: Stephan Neumann
Der Hambachgrund aus der Luft. Foto: Stephan Neumann

Wenn die Sonne früh morgens am östlichen Horizont aufgeht, liegt der Hambachgrund noch im Schlafe der Dunkelheit. Flankiert vom eschen- und ahornbestandenen Osthang, plättschert der Hambach durch sein schmales, langes Tal. Nur die alte Streuobstwiese am Westhang bekommt schon ein paar wärmende Sonnenstrahlen. Jetzt, bei Anbruch des Tages, fliegen die letzten Großen Abendsegler und Fransenfledermäuse zurück in ihre Schlafquartiere nach Creidlitz. Der Waldkauz, der die ganze Nacht gerufen hat, wird abgelöst von dem auf Brautschau befindlichen Nachtigall-Männchen, und auch der Gartenrotschwanz gibt erste Töne von sich.

 

 

Der bewaldete südliche Teil des Hambachgrundes bleibt in Zukunft völlig sich selbst überlassen - ein kleiner Urwald von morgen ist am Entstehen. Foto: Hans Schönecker
Der bewaldete südliche Teil des Hambachgrundes bleibt in Zukunft völlig sich selbst überlassen - ein kleiner Urwald von morgen ist am Entstehen. Foto: Hans Schönecker

Der Hambachgrund ist FFH-Gebiet (EU-geschützt) und auch geschützter Landschaftsbestandteil. In dem noch zum Stadtgebiet von Coburg gehörenden Tal haben viele seltene Tier– und Pflanzenarten überlebt. Über 30 Vogelarten leben hier. Neben den schon genannten gibt es z.B. den Mittelspecht, den Hänfling oder den Pirol. Auch Amphibien wie Erdkröte, Teichmolch oder Grasfrosch fühlen sich hier wohl, wurde doch der große Teich erst im Jahre 2009 vom LBV wieder hergestellt.

Der südliche Teil des Hambachgrundes ist ein Eldorado für Pilz– und Insektenkundler. In dem hier wachsenden Mischwald gibt es keine forstlichen Eingriffe. Ein Urwald entsteht, wo die Natur Natur sein darf.

 

 

Extensive Kulturlandschaft umgibt die kleine Wildnis - die Streuobstwiesen des Hambachgrundes. Foto: Hans Schönecker
Extensive Kulturlandschaft umgibt die kleine Wildnis - die Streuobstwiesen des Hambachgrundes. Foto: Hans Schönecker

Und auch auf den Streuobstwiesen zeigt sich die ökologische Bewirtschaftung des Tales. Uralte Apfelbäume mit hohlen Stämmen, halben Kronen und viel Totholz kommen vielen Tieren zugute. Da ist es auch nicht verwunderlich, dass hier der Apfelbaum-Stachelschwamm gefunden wurde. Dieser Pilz besiedelt fast nur alte, sterbende Apfelbäume und ist sehr selten geworden. Die Wiesen selbst zeigen sich sehr blütenreich, vom Wiesen-Schaumkraut im zeitigen Frühling, an dem der Aurorafalter seine Eier ablegt, bis zur Herbst-Zeitlose als letzten Blütengruß vor dem Winter. „Gefährdet“ wird die Blütenpracht allenfalls durch die Roesels Beißschrecke oder durch Schafe, die als biologische Rasenmäher einen wertvollen Beitrag zur Wiesenpflege leisten.

 

 

Winteridylle im Hambachgrund. Foto: Hans Schönecker
Winteridylle im Hambachgrund. Foto: Hans Schönecker

Der Geschützte Landschaftsbestandteil „Hambachgrund“ mit seinen 7,6 ha zuzüglich weiterer Teile des Tales mit insgesamt über 12,5 ha gehören dem LBV und werden von ihm gepflegt. Die Liegenschaft Hambachgrund wurde 2006 von der langjährigen Besitzerin, Frau Annemarie Seidel, in eine LBV eigene Stiftung (Die Stiftung Seidel-Hambach) überführt, um das Tal in seiner Ursprünglichkeit zu erhalten.


Highlander bei der Landschaftspflege

Auf den Hangwiesen des Hambachgrunds helfen seit April 2020 Schottische Hochlandrinder bei Naturschutz und Landschaftspflege. „Das ist besser als eine Mahd, denn eine allmähliche Beweidung der Flächen verläuft kontinuierlich in kleinen Schritten, so dass immer irgendwo etwas stehen bleibt, wächst, blüht und fruchtet“, erklärt Frank Reißenweber, der Erste Vorsitzende des LBV Coburg. „Außerdem wird hier weder geimpft, noch zugefüttert oder gedüngt. Die Tiere setzen aber das Gras in Körpermasse und Wärme um. Somit werden die Wiesen immer magerer und damit artenreicher.“ Und auch die Kuhfladen sind äußerst nützlich: „Eine Kuh kotet täglich zirka 40 Kilogramm, wovon sich vier Kilogramm Insekten ernähren, die wiederum 400 Gramm Vögel ernähren. Es sind also etwa 20 kleine Singvögel, die pro Kuh mehr auf der Fläche leben können!“ Wichtig sei bei so einem Naturschutzkonzept, dass ein Rind mehr als einen Hektar Auslauf hat und die Fläche somit nicht überbeweidet ist. Dann erhöhen sich auch die ganz unterschiedlichen Lebensräume für Tiere und Pflanzen: Orte, wo die Rinder wiederkäuen und ruhen, wechseln sich mit wenig beweideten Bereichen, Trampelpfaden und Weidearealen kleinräumig ab. „Ein derartiges Mosaik an Lebensräumen kann nur eine extensive Form der Beweidung erzeugen, kein noch so aufwändige erarbeiteter Landschaftspflegeplan!“, stellt Frank Reißenweber fest. „Dies alles sind Gründe, warum im modernen Naturschutz extensive Formen der Beweidung zentrale Bestandteile sind und der Insekten- und Vogelrückgang auch dadurch mit bedingt ist, dass es kaum noch extensive Weidetierhaltung in der Fläche gibt.“

 

Im Hambachgrund mit den angrenzenden Naturschutzflächen ist es nun gelungen, auf über 12 Hektar eine solche wertvolle Extensivbeweidung zu organisieren. „Das Projekt wurde auch durch staatliche Fördermittel ermöglicht“, sagt Werner Pilz von der Unteren Naturschutzbehörde, der sich um die Förderanträge gekümmert hat. Die Beweidung wird auf sieben Hektar pro Jahr mit 3.300 Euro aus dem Vertragsnaturschutzprogramm gefördert. Der Weidezaun wurde aus dem Landschaftspflegeförderprogramm mit rund zwei Dritteln, also rund 20.000 Euro, bezuschusst. Daneben fallen im Herbst noch einige tausend Euro für Weideflächenpflege aus demselben Programm an. „Dieses Geld ist, gerade im Hinblick auf den Insektenschutz, gut angelegt!“ Als Rinderrasse werden die dafür sehr gut geeigneten Schottischen Hochlandrinder vom landwirtschaftlichen Partnerbetrieb Pöringer eingesetzt, den der LBV schon vom Fechheimer Berg her gut kennt. Auch dort setzt der Betrieb seine vierbeinigen Landschaftspfleger mit rotem Fell und langen Hörnern ein, die so ziemlich alles wegschroten, was nach Gras und Kraut aussieht. Die Familie Pöringer betreut eigenverantwortlich ihre Tiere: tränken, Veterinärvorgaben, regelmäßige Kontrolle, Auftrieb im Frühjahr, Abholung im Herbst und Vermarktung. „Das Fleisch der Hochlandrinder vom Hambachgrund kann man dann nach Weide-Saisonende im Herbst bei der Metzgerei Morgner in Creidlitz kaufen“, sagt Simone Pöringer.

 

Wichtig war, die Weide stabil einzuzäunen, damit die Tiere nicht ausbrechen können. Mit Hilfe der Fachleute vom Landschaftspflegeverband und des Maschinenrings wurde im vergangenen Winter ein stabiler Weidezaun aufgebaut. „Ein großes Dankeschön seitens des LBV gilt also dem Landschaftspflegeverband Coburger Land e.V., dem Maschinenring und unserem Partnerlandwirt!“, sagt Frank Reißenweber, der noch einen Hinweis für Spaziergänger hat: „Der Weidezaun steht als moderner Elektrozaun unter Strom, also nicht berühren!“ Die Koppel bitte außerdem nicht betreten – im Geschützten Landschaftsbestandteil bestehe ohnehin ein behördliches angeordnetes Wegegebot – die Rinder nicht füttern und keine Hunde auf die Koppel lassen. Das könnte zu Panikreaktionen führen, wenn die Herde zum Beispiel ihre Kälber beschützen möchte, und würde dann vor allem dem Hund nicht bekommen. „Ansonsten sind die Tiere ruhig und friedlich und können von außen gut beobachtet werden, was auch eine Aufwertung des Gebietes zur Naherholung in Coronazeiten für die Allgemeinheit darstellt“, sagt Frank Reißenweber.

 

Schottische Hochlandrinder beweiden nun im Hambachgrund in Creidlitz die Hangwiesen. Eine Extensivbeweidung bringt für die Natur viele Vorteile mit sich und wird deswegen im modernen Naturschutz häufig eingesetzt. Fotos: LBV
Schottische Hochlandrinder beweiden nun im Hambachgrund in Creidlitz die Hangwiesen. Eine Extensivbeweidung bringt für die Natur viele Vorteile mit sich und wird deswegen im modernen Naturschutz häufig eingesetzt. Fotos: LBV
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